Februar 2001 – Ein Visum für das „Islamische Emirat Afghanistan“ Es ist Mittwoch Abend und es ist großartig, am Pool des Marriott-Hotel zu entspannen. Das Essen vom Buffet war hier schon immer ausgesprochen lecker und im Keller gibt es eine kleine Bar, die man nach Vorlage seines ausländischen Passes betreten darf. Zwei Tage Ruhe liegen

Februar 2001 – Ein Visum für das „Islamische Emirat Afghanistan“

Es ist Mittwoch Abend und es ist großartig, am Pool des Marriott-Hotel zu entspannen. Das Essen vom Buffet war hier schon immer ausgesprochen lecker und im Keller gibt es eine kleine Bar, die man nach Vorlage seines ausländischen Passes betreten darf. Zwei Tage Ruhe liegen vor uns. Donnerstags und Freitags nämlich hat die Botschaft Afghanistans geschlossen, am Samstag wollen wir dort unser Visum holen.

Eine afghanische Botschaft gibt es derzeit in Deutschland nicht und auch sonst nirgendwo auf der Welt – nur hier in Pakistan. Außer der Regierung in Islamabad unterhält keine andere diplomatische Beziehungen mit dem „Islamischen Emirat Afghanistan“. Visa für Ausländer gibt es also ausschließlich hier.

Unsere Bärte jucken höllisch. Da müssen wir durch, denn unter der Taliban-Regierung, seit 1996 am Ruder in Afghanistan, ist das Rasieren gesetzlich verboten. Vier Wochen sprießen die Gesichtshaare nun schon ungehindert. Bei mir nicht so richtig heftig und mit kahlen Stellen, bei Kay schon deutlicher.

Wenn man schon mal in Islamabad ist und gerade nichts besseres zu tun hat, dann muss man einfach in Richtung Norden fahren, in die Margalla Hills. Vorbei an der Faisal Moschee. Die größte Moschee der Welt haben die Saudis hier gebaut. 74.000 Menschen sollen Platz darin haben.

Kaum haben wir die Moschee passiert, verschwinden Staub und Hitze der Stadt langsam, die Straße steigt an, das Grün wird satter und Affen versuchen, auf die vorbei fahrenden Autos zu springen. Hier, in den südlichen Ausläufern des Himalaya, soll es noch eine größere Zahl frei lebender Leoparden geben. In steilen Kurven schraubt sich die Straße langsam in die Höhe. Würden wir weiter geradeaus fahren, kämen wir auf eine Höhe von rund 1.600 Metern. Tun wir aber nicht.

Mittagessen ist angesagt und liegt ganz nahe. Rechts und links der Straße immer wieder Restaurants, viele von ihnen mit großen Terrassen und freiem Fernblick über Islamabad und Rawalpindi. Was für ein Wetter! Die Luft ist kühl und sauber, das Essen lecker und preiswert, die Affen nerven. Der Kellner tut sein Bestes, um sie von unserem Tisch zu verscheuchen – den Affen ist das offensichtlich egal.

Am Samstag wollen wir möglichst früh bei der Botschaft Afghanistans sein, um unser Visum zu bekommen. Um sieben klingelt der Wecker eine Stunde später steht der Fahrer vor der Tür. Wenn man in Islamabad eine Adresse hat, müssen auch Ortsfremde kaum suchen. Die Innenstadt ist Schachbrettartig aufgebaut und, ähnlich wie das Zentrum Mannheims, in Planquadrate aufgeteilt. Die Botschaft liegt im Quadrat G-6 in der Straße 90, ganz in der Nähe der Atatürk Avenue.

Ein eher unauffälliges Backsteinhaus. Ein großer, sandiger Innenhof, deutliche Toilettengerüche wabern zwischen den Mauern. Die Kanalisation in Islamabad ist gerade an nassen und heißen Tagen oft überfordert. Ein paar Männer mit Turbanen sitzen im Schatten eines Baumes. Keine Schilder in einer für uns lesbaren Sprache, kein Hinweis auf die Konsularabteilung. Einer der Typen erhebt sich, kommt auf uns zu. Schwarzer Turban, schwarzes Tuch um den Hals, schwarzes, knielanges Hemd, pechschwarzer Rauschebart. Er spricht uns in relativ gutem Englisch an, will wissen, was wir wollen.

Ich mache mein Sprüchlein. Journalisten aus Deutschland, wollen aus Afghanistan berichten. Wir bitten um ein Visum, so dass wir möglichst morgen nach Kabul fliegen können. Warum grinst der so eigenartig, während er uns in die Gesichter schaut? Eine Antwort bekommen wir nicht. Er dreht sich um, lässt uns stehen und spricht mit den anderen Männern. Ich bin mir sicher, dass sie auf Paschtu miteinander reden.

Nach ein paar Minuten baut er sich wieder vor uns auf. Erst jetzt fällt mir auf, was da für ein Riese vor mir steht. Selbst mit meinen 1,94 Metern muss ich den Kopf ein Wenig in den Nacken legen. Er grinst noch immer und erklärt lächelnd, seine tiefschwarzen Augen fast zusammengekniffen, dass das mit unserem Visum nichts werden kann.

Auf mein fragendes Kopfschütteln kommt dann auch sofort die Erklärung. Wir würden ja wohl wissen, dass Männer in Afghanistan sich nicht rasieren würden und einen „richtigen“ Bart hätten. Mit unseren paar Fusseln im Gesicht könne er uns leider, leider nicht ins Land lassen. Wir sollten wiederkommen, wenn wir einen „echten“ Bart vorweisen können. Schon dreht er uns den Rücken zu – Diskussion ist völlig unmöglich.


Das nächste Kapitel meines Afghanistan-Tagebuches erscheint am 11. August 2018 unter dem Titel „Juni 1973 – Auf dem Weg ins Königreich“.
Ein weiteres Kapitel gibt es dann ca. alle 14 Tage. Insgesamt werden etwas mehr als 60 Kapitel veröffentlicht werden.


Dieter Herrmann, der Autor dieses Afghanistan-Tagebuchs, lebt in Australien, berichtet von dort für deutsche Fernsehsender und ist Chefredakteur der einzigen deutschsprachigen Zeitung in Australien.
Bekannt ist er als Medientrainer für Hörfunk- und Fernsehsender sowie für Führungskräfte im oberen Management, Offiziere und Piloten.
Kontakt zum Autor und weitere Informationen zu den angebotenen Medientrainings über die Homepage dieses Blogs oder unter dieter(at)australia-news.de (bitte das (at) durch das @-Zeichen ersetzen!)


Mein Manuskript beginnt im Februar 2001, fast genau sieben Monate vor den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und auf andere Einrichtungen in den USA. Nach langer Wartezeit gelingt es mir mit meinem Kameramann, bei der Afghanischen Botschaft in Islamabad ein Visum für das von den Taliban regierte Land zu bekommen.

Auf wechselnden, miteinander verwobenen Zeitebenen schildere ich in rund 60 Kapiteln meine Erlebnisse in dem Land am Hindukusch von 1973 und dem Sturz des Königs, über die Zeit unter dem Taliban-Regime bis in die Zeit der westlichen Militäreinsätze und der versuchten Demokratisierung.

Neben vielen anderen Erfahrungen wurde ich in dieser Zeit zweimal verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, musste zeitweilig im Bunker der türkischen Botschaft leben und hatte ein erstaunliches Interview mit Mullah Muttawakil, dem persönlichen Sprecher von Taliban-Führer Mullah Omar und späteren Taliban-Außenminister.

Ich schildere meine persönlichen Gefühle und Zweifel ebenso wie politische und menschliche Geschehnisse, Bewegungen in der Bevölkerung und Entwicklungen im Land.

Nichts an diesem Manuskript ist erfunden oder hinzugedichtet – einiges allerdings habe ich, um niemanden zu gefährden, weggelassen. Einige Namen habe ich sicherheitshalber verändert.

Ob das letzte Kapitel jemals fertig werden wird, ist fraglich. Eigentlich sollte ich im Jahr 2018 wieder in Kabul unterrichten, doch die Sicherheitslage ist dermaßen schlecht, dass meine Auftraggeber mich voraussichtlich nicht ins Land holen werden. „Deutscher Medientrainer von Taliban ermordet“ wäre für alle Beteiligten eine katastrophale Schlagzeile.

Dieter Herrmann

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