7) August 2009 – Ausbildung nach alten deutschen Regeln Ich bin taub. Zumindest für ein paar Sekunden, bis sich der Pulverdampf aus der Kalaschnikow verzogen hat. Der Polizeischüler neben mir legt die Waffe zur Seite und grinst seinen Lehrer, Kay mit der Kamera und mich freudestrahlend an. Drei Volltreffer hat er auf der fast 100

7) August 2009 – Ausbildung nach alten deutschen Regeln

Ich bin taub. Zumindest für ein paar Sekunden, bis sich der Pulverdampf aus der Kalaschnikow verzogen hat. Der Polizeischüler neben mir legt die Waffe zur Seite und grinst seinen Lehrer, Kay mit der Kamera und mich freudestrahlend an. Drei Volltreffer hat er auf der fast 100 Meter entfernten Zielscheibe gelandet. Wir stehen in der Schießhalle der Polizeischule in Kabul und es wird geballert, was die Magazine hergeben. Kay dreht und hat, wie es sich für einen guten Kameramann gehört, Kopfhörer auf, um den Ton der Aufzeichnung zu kontrollieren. Beneidenswert! Sonst trägt hier niemand einen Gehörschutz – nicht einmal diese kleinen Plastikstöpsel, die man sich wie das bekannte Ohropax in den Gehörgang schieben kann.

Mit ein paar Handbewegungen bitte ich den Schießlehrer nach draußen. Kay folgt, ich habe das Mikrofon für das Interview schon in der Hand. „Wie lange müssen die Rekruten denn üben, bis sie ausreichend mit der AK-47 umgehen können?“ frage ich ihn auf Englisch. „Sorry, I don’t understand you, could you speak a little louder?“ Klar kann ich! Und wie! Und dann wird sehr schnell klar, dass der arme Kerl fast nichts mehr hört. Meine ursprüngliche Frage vergesse ich einfach. Jetzt will ich wissen, was er davon hält, einen Gehörschutz zu tragen. „Ach, das brauche ich nicht,“ brüllt er in unser Mikrofon, „der Lärm macht mir nichts, ich mache das jetzt zwei Jahre und hab mich schon völlig dran gewöhnt.“

Deutsche Lehrer unterrichten in der Polizeischule deutsche Polizeiarbeit. Mit Übersetzern natürlich. Spurensuche, Verhörmethoden, Rechte des Festgenommenen, Vergleich von Fingerabdrücken, Fahrtechniken. Alles, was der afghanische Polizist dringend wissen muss. Mit Lehrmaterial in deutscher Sprache, ausrangiert bei verschiedenen Polizeibehörden in Deutschland. Draußen wird marschiert, es scheint als könnten wir Deutschen das besonders gut vermitteln. Knappe Kommandos und immer wieder heilloses Durcheinander.

Wie schon zuvor arbeiten wir mit Wahab. Er ist für uns Fahrer, Fremdenführer und Dolmetscher. Lange war er in Deutschland, auf der Flucht vor Krieg und Taliban. Sein Deutsch ist perfekt. Erst vor ein paar Jahren ist er nach Kabul zurück gekommen, um seinen kranken Vater zu pflegen. Hier an der Polizeischule scheint er alles zu kennen und auf meine Nachfrage erzählt er, dass er vor seiner Flucht Offizier bei der Schutzpolizei in Kabul gewesen sei.

Kay dreht was er für wichtig hält. Tatsächlich warten wir darauf, dass der Leiter der Schule, ein Oberst der Nationalpolizei, endlich zum Interview bereit ist. Irgendwann, uns ist schon fast die Lust vergangen, kommt einer der Rekruten angerannt und bittet uns ins Allerheiligste. Sein Büro hat der Chef sich ziemlich individuell eingerichtet. Zwei Plüschsofas, ein mit abblätternder Goldbronze gestrichener Tisch, und jede Menge Koransprüche an den Wänden. Er sitzt am Schreibtisch, wiegt mindestens 150 Kilo und hat an der Wand hinter sich eine sehr gebraucht aussehende Kalaschnikow hängen. Als er Wahab in den Raum kommen sieht, springt der Dicke auf, nimmt unseren Fahrer in den Arm und der Redeschwall auf Paschtu hört sich an, als hätten zwei Freunde sich viele Jahre nicht gesehen.

Mikrofon, Stativ mit Kamera und das bisschen Licht, das wir dabei haben, sind schnell aufgebaut. Kaum schaffe ich es, meine erste Frage zu stellen, redet er los, wie ein Wasserfall. Wie in Endlosschleife wiederholt er, dass doch die Zusammenarbeit mit den Deutschen so großartig wäre und wie dankbar man sei, dass mit Hilfe aus Berlin hier gute Polizisten ausgebildet werden können. Ohnehin findet er es ganz großartig, dass die ganze Polizeiakademie, erst 2002 wieder eröffnet, ein Geschenk der Deutschen ist. Aus dem Jahre 1935 – zwei Jahre nach der Machtergreifung der Nazis. Der Polizeioberst redet ohne Punkt und Komma. Sein Erguss wird später kaum zu schneiden sein. Nach 10 oder 15 Minuten bedanke ich mich mit freundlichsten Worten und breche ab. Nun druckst er herum, das uniformierte Schwergewicht. Schließlich bittet er Kay, die Kamera aus dem Raum und möglichst in unser Auto zu bringen.

Was jetzt wohl kommt? Nach einem Glas Tee fängt er an klar, strukturiert und mit deutlichen Worten zu erzählen, was ihm auf der Seele liegt, was er sich aber nicht traut dem Deutschen Fernsehen zu erzählen: „Tausende von Polizisten bilden wir hier aus. Kriminalisten, Schutzpolizei, Verkehrspolizei, Personenschützer und auch Leute für den Geheimdienst. Etliche von ihnen echte Dummköpfe, fast die Hälfte kann weder lesen noch schreiben, wenn sie ihr Training bei uns beginnen.“ Frischer grüner Tee macht die Runde, plötzlich steht auch eine große Schale mit Süßigkeiten auf dem Tisch. „Doch es sind auch wirklich gute Leute darunter. Eine Handvoll Frauen und viele Männer.“ Nach Abschluss der Ausbildung, so erzählt er weiter, bekommen die nun fertigen Polizisten ihre Uniformen und eine oder zwei Waffen. Oft eine Pistole und ein Kalaschnikow-Sturmgewehr. „Dann vergehen oft keine vier Wochen, und rund ein Drittel bis die Hälfte der neuen Polizisten ist plötzlich verschwunden. Ohne sich abzumelden, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Der Oberst scheint wirklich bekümmert zu sein, sieht mich traurig an. „Tja,“ resümiert er, „die Taliban, die Warlords und die Drogenbarone zahlen einfach mehr, als die 100 bis 150 Dollar im Monat, die die frischen Beamten bei der afghanischen Polizei bekommen.“

Wir sind dieses Mal in Kabul, um über die Präsidentschaftswahlen zu berichten. Unser Hotel in Kabul ist ausgesprochen nobel. Das Serena-Hotel ist erst 2005 fertig gestellt worden und gehört zu einer internationalen Kette von Fünf-Sterne-Hotels die im Besitz der Aga Khan Stiftung ist. Anders als in anderen Teilen der Welt ist das Serena hier eher eine Festung als ein klassisches Luxus-Hotel. Hinein kommt man nur durch diverse Schleusen und Detektoren, durch massive Eisentore und vorbei an mehrerer Reihen von Sandsack-Barrieren. Trotzdem hat ein Attentäter vor eineinhalb Jahren es geschafft, bis in den Fitness-Raum des Hotels vorzudringen und dort seine Bombe zu zünden. Sechs Menschen wurden getötet. Die im Sender für die Sicherheit verantwortlichen Experten haben uns angewiesen, unsere Freizeit ausschließlich innerhalb der Hotels zu verbringen. Auch unsere Mahlzeiten sollen wir dort einnehmen. Die allerdings sind im Serena so teuer, dass unser Spesensatz weit überschritten wird. Ob darüber schon mal jemand nachgedacht hat? Mit aller Vorsicht gehen wir trotz der anders lautenden Anweisung ab und zu in der Stadt zum Essen. In einem guten Restaurant bezahlen wir dort weniger als ein Viertel des Preises, der im Hotel verlangt wird.

Anders als noch vor drei Jahren, gibt es nicht mehr sehr viele deutsche Journalisten, die aus Afghanistan berichten dürfen. Vor dem Oktober 2006 gab es immer wieder junge Männer und Frauen, die sich mit Reportagen aus Afghanistan einen Namen machen wollten. Sie gingen häufig unkalkulierbaren Risiken ein, um spannende Berichte für Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen zu produzieren und zu verkaufen. Verlage und Sender haben häufig und gerne zugegriffen – meist waren die Geschichten der jungen Draufgänger billiger und oft auch spannender als die der Profis. In jenem Oktober wurden zwei Kollegen von der Deutschen Welle in Afghanistan ermordet. Kurz darauf passierte etwas, das ich schon Jahre zuvor angeregt hatte: Die meisten Senderchefs in Deutschland einigen sich darauf, nur noch die Journalisten aus Kriegs- und Krisengebieten berichten zu lassen, die zuvor ein anerkanntes Sicherheitstraining absolviert hatten. Ich hatte mein „Krisentraining“ schon nach der Arbeit in Somalia, Anfang der neunziger Jahre und auf eigene Rechnung bestanden.

Ein paar Tage dauert es noch, bis die Afghanen zu den Wahlurnen gehen werden. Hamid Karzai, der amtierende Präsident scheint mit allen Mitteln um seine Wiederwahl zu kämpfen. Dass wir noch ein paar Tage bis zum Wahltag haben, dass weiß natürlich auch die Redaktion beim Fernsehen der Deutschen Welle in Berlin und kommt mit einem interessanten Vorschlag. Nicht ganz ungefährlich, wie sich schnell herausstellt.


Das nächste Kapitel meines Afghanistan-Tagebuches erscheint am 23. Oktober 2018 unter dem Titel „Juni 1973 – Warten an der iranisch-afghanischen Grenze„.
Ein weiteres Kapitel gibt es dann ca. alle 14 Tage. Insgesamt werden etwas mehr als 60 Kapitel veröffentlicht.


Dieter Herrmann, der Autor dieses Afghanistan-Tagebuchs, lebt in Australien, berichtet von dort für deutsche Fernsehsender und ist Chefredakteur der einzigen deutschsprachigen Zeitung in Australien.
Bekannt ist er als Medientrainer für Hörfunk- und Fernsehsender sowie für Führungskräfte im oberen Management, Offiziere und Piloten.
Kontakt zum Autor und weitere Informationen zu den angebotenen Medientrainings über die Homepage dieses Blogs oder unter dieter(at)australia-news.de [bitte das (at) durch das @-Zeichen ersetzen!]


Mein Manuskript beginnt im Februar 2001, fast genau sieben Monate vor den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und auf andere Einrichtungen in den USA. Nach langer Wartezeit gelingt es mir mit meinem Kameramann, bei der Afghanischen Botschaft in Islamabad ein Visum für das von den Taliban regierte Land zu bekommen.

Auf wechselnden, miteinander verwobenen Zeitebenen schildere ich in rund 60 Kapiteln meine Erlebnisse in dem Land am Hindukusch von 1973 und dem Sturz des Königs, über die Zeit unter dem Taliban-Regime bis in die Zeit der westlichen Militäreinsätze und der versuchten Demokratisierung.

Neben vielen anderen Erfahrungen wurde ich in dieser Zeit zweimal verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, musste zeitweilig im Bunker der türkischen Botschaft leben und hatte ein erstaunliches Interview mit Mullah Muttawakil, dem persönlichen Sprecher von Taliban-Führer Mullah Omar und späteren Taliban-Außenminister.

Ich schildere meine eigenen Gefühle und Zweifel ebenso wie politische und menschliche Geschehnisse, Bewegungen in der Bevölkerung und Entwicklungen im Land.

Nichts an diesem Manuskript ist erfunden oder hinzugedichtet – einiges allerdings habe ich, um niemanden zu gefährden, weggelassen. Einige Namen habe ich sicherheitshalber verändert.

Ob das letzte Kapitel jemals fertig werden wird, ist fraglich. Eigentlich sollte ich im Jahr 2018 wieder in Kabul unterrichten, doch die Sicherheitslage ist dermaßen schlecht, dass meine Auftraggeber mich voraussichtlich nicht ins Land holen werden. „Deutscher Medientrainer von Taliban ermordet“ wäre für alle Beteiligten eine katastrophale Schlagzeile.

Dieter Herrmann

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