Afghanistan – Im Knast der Taliban – Kapitel 1

Im Knast der Taliban Februar 2001 – Reportagen aus Afghanistan Das kann nicht wahr sein! Da will dieser Mensch, der wie ein Scheich aus dem Märchenland gekleidet ist, unsere Kamera hier am Flughafen behalten. Und dann noch mein seit vier Wochen sprießender Bart. Das Jucken der wachsenden Haare im Gesicht wird langsam unerträglich. Kay und

Im Knast der Taliban

Februar 2001 – Reportagen aus Afghanistan

Das kann nicht wahr sein! Da will dieser Mensch, der wie ein Scheich aus dem Märchenland gekleidet ist, unsere Kamera hier am Flughafen behalten. Und dann noch mein seit vier Wochen sprießender Bart. Das Jucken der wachsenden Haare im Gesicht wird langsam unerträglich.

Kay und ich waren mit Emirates, der größten Golf-Airline, aus Frankfurt gekommen und jetzt in Dubai, einem riesigen Duty-Free-Shop mit angeschlossenem Flughafen. Weiterflug nach Islamabad am nächsten Morgen.

Die Airline zahlt das Hotel und der Transferbus wartet auf uns. Im Bus der Fahrer und rund 40 Fahrgäste. Nur Kay und ich fehlen noch – doch den Zöllnern, in ihren blendend weißen, wallenden Kandoras, gefällt unsere Kamera ganz und gar nicht. Ausländische Fernsehkameras in den Emiraten – wo kommen wir denn da hin?

Klare Ansage: entweder wir bleiben die nächsten 14 Stunden, bis zum Weiterflug, auf dem Flughafen oder wir fahren ins Hotel und die Kamera bleibt hier. Wir entscheiden uns für Version zwei. Mit Herzklopfen. Wenn wir die Kamera am nächsten Morgen nicht zurückbekommen, könnte unter Umständen der Dreh in Afghanistan platzen. Zumindest denken wir so – schließlich wissen wir noch nicht, was uns in Islamabad erwartet.

Die Leute im Bus sind unfreundlich, das Hotel, rund 20 Minuten mit dem Bus entfernt, um so netter. Abholung am nächsten Morgen um sieben, Frühstück ab sechs. Abflug um 09:30 Uhr.

Ich weiß nicht, wie oft Kay und ich schon zusammen gearbeitet haben. Auf jeden Fall immer dann, wenn es gefährlich werden konnte. Der Hamburger ist drei Jahre jünger als ich und hat schon jede Menge „exotischer“ Jobs gemacht: Kerzenverkäufer auf Weihnachtsmärkten, Inhaber eines Crèpe-Standes, Himmelschreiber mit seiner Cessna-172, Projektleiter beim Institut für Fernunterricht und etliches mehr. Irgendwann hat er dann im Fernsehbusiness angefangen und sich bis zum Kameramann nach oben gearbeitet. Heute ist er in diesem Job beliebt, begehrt und wirklich richtig gut. Wir kennen uns seit 11 Jahren, aus dem ersten Irakkrieg. Seitdem sind wir auch beste Freunde und haben unter anderem in Somalia, Ruanda, Angola, im Kosovokrieg, in Kenia und Dschibuti, im Kongo und in etlichen anderen Kriegs- und Krisengebieten miteinander gearbeitet und das deutsche Fernsehen mit Bildern und Stücken versorgt. Speziell wenn es schwierig wird, möchte ich mit keinem anderen Kameramann drehen.

Der Reisebus von Faizabad nach Kabul kurz vor der Abfahrt

Wie gut, dass wir rechtzeitig wieder beim Zoll stehen und nach unserer Kamera fragen. Sie liegt noch genau so im Regal, wie wir sie gestern abgelegt haben. Den Abholschein haben wir auch – doch der braucht noch zwei wichtige Unterschriften und das ist nicht so einfach, denn der zweite Unterschriftsberechtigte ist in einem Meeting oder Tee trinken oder krank oder vielleicht gerade verreist.

Da hilft auch die Klimaanlage nichts: Kay und ich schwitzen, so gut wir können. Nach gut einer Stunde klärt sich alles, die Kamera ist wieder unser und Crew und Passagiere schauen uns mit giftigen Gesichtern an, als wir als letzte ins Flugzeug geschnauft kommen.

Natürlich ist oben in den Ablagefächern kein Platz mehr für die Kamera, so dass wir uns dabei abwechseln, das Fünfzehn-Kilo-Ding für dreieinhalb Stunden auf dem Schoß zu halten.

Der Flughafen, auf dem wir dann landen, war früher einmal die Chaklala Airbase, ein großer Militärflughafen und wurde erst Ende der sechziger Jahre zum „Flughafen Islamabad“. Erst zu dieser Zeit nämlich wurde Islamabad fast aus dem Nichts heraus aufgebaut. Eine „künstliche“ Hauptstadt wie Brasilia, Naypitaw, New Delhi oder Astana. Der Ersatz für Pakistans frühere Hauptstadt Karachi. Noch heute liegt der Flughafen viel dichter an der alten Stadt Rawalpindi, die zudem rund dreimal so groß ist wie Islamabad.

Mit dem schon in Deutschland ausgestellten Visum für Pakistan geht die Passkontrolle blitzschnell, unsere Kameraausrüstung wird vom Zoll keines Blickes gewürdigt. Das Marriott-Hotel, in dem für uns ein Zimmer gebucht wurde hat einen eigenen Transfer-Bus und trotz des chaotischen Verkehrs sind wir knapp 20 Minuten später in einem Haus, das von der Redaktion zwar als „Luxusherberge“ bezeichnet, zähneknirschend aber doch reserviert wurde. Unter der Bedingung, dass Kay und ich uns ein Zimmer teilen.


Das nächste Kapitel meines Afghanistan-Tagebuches erscheint am 15. August 2018 unter dem Titel „September 1996 – Koranschule in Pakistan“.
Ein weiteres Kapitel gibt es dann ca. alle 14 Tage. Insgesamt werden etwas mehr als 60 Kapitel veröffentlicht werden.


Dieter Herrmann, der Autor dieses Afghanistan-Tagebuchs, lebt in Australien, berichtet von dort für deutsche Fernsehsender und ist Chefredakteur der einzigen deutschsprachigen Zeitung in Australien.
Bekannt ist er als Medientrainer für Hörfunk- und Fernsehsender sowie für Führungskräfte im oberen Management, Offiziere und Piloten.
Kontakt zum Autor und weitere Informationen zu den angebotenen Medientrainings über die Homepage dieses Blogs oder unter dieter(at)australia-news.de (bitte das (at) durch das @-Zeichen ersetzen!)


Mein Manuskript beginnt im Februar 2001, fast genau sieben Monate vor den Anschlägen auf das World Trade Center in New York und auf andere Einrichtungen in den USA. Nach langer Wartezeit gelingt es mir mit meinem Kameramann, bei der Afghanischen Botschaft in Islamabad ein Visum für das von den Taliban regierte Land zu bekommen.

Auf wechselnden, miteinander verwobenen Zeitebenen schildere ich in rund 60 Kapiteln meine Erlebnisse in dem Land am Hindukusch von 1973 und dem Sturz des Königs, über die Zeit unter dem Taliban-Regime bis in die Zeit der westlichen Militäreinsätze und der versuchten Demokratisierung.

Neben vielen anderen Erfahrungen wurde ich in dieser Zeit zweimal verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, musste zeitweilig im Bunker der türkischen Botschaft leben und hatte ein erstaunliches Interview mit Mullah Muttawakil, dem persönlichen Sprecher von Taliban-Führer Mullah Omar und späteren Taliban-Außenminister.

Ich schildere meine persönlichen Gefühle und Zweifel ebenso wie politische und menschliche Geschehnisse, Bewegungen in der Bevölkerung und Entwicklungen im Land.

Nichts an diesem Manuskript ist erfunden oder hinzugedichtet – einiges allerdings habe ich, um niemanden zu gefährden, weggelassen. Einige Namen habe ich sicherheitshalber verändert.

Ob das letzte Kapitel jemals fertig werden wird, ist fraglich. Eigentlich sollte ich im Jahr 2018 wieder in Kabul unterrichten, doch die Sicherheitslage ist dermaßen schlecht, dass meine Auftraggeber mich voraussichtlich nicht ins Land holen werden. „Deutscher Medientrainer von Taliban ermordet“ wäre für alle Beteiligten eine katastrophale Schlagzeile.

Dieter Herrmann

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