Juli 2016 – Australien hat einen Ruf zu verlieren

Herausgekommen ist der Skandal, weil professionelle Journalisten das machen, was ihre Aufgabe ist. Sie recherchieren gründlich. Reporter der Sendung „Four Corners“ sind einem der wirklich großen Skandale in der jungen Geschichte Australiens auf der Spur. Sie können das, weil sie, neben anderen Dingen, die Rückendeckung ihres Senders haben. Der Australian Broadcasting Corporation, der steuerfinanzierten Institution, die schon Tony Abbott oft ein Dorn im Auge war. Ihm gefiel es überhaupt nicht, wie kritisch bei ABC manchmal über die Tätigkeit der Regierung berichtet hat.

Auch bei den jüngsten Enthüllungen geht es wieder um staatliche Stellen und darum, wie manche Bedienstete des Staates das Recht nach ihren Vorstellungen auslegen oder beugen.

Eine Szene wie im US-Knast in Guantanamo

dylan-vollerWas ist passiert? Ein nur sehr spärlich bekleideter Junge sitzt auf einem Stuhl. Er ist gefesselt, über den Kopf hat man ihm eine Art Kapuze gestülpt. Der Kopf ist mit einem Riemen an der Lehne des Stuhls fixiert. „Just relax“, sagt einer der Uniformierten zu ihm und verlässt offensichtlich den Raum. Später wird klar, dass der Junge für rund zwei Stunden, gefesselt an den Stuhl, in diesem Raum verbringen muss.

Diese „Erziehungsmaßnahme“ wird im Jugendgefängnis in Alice Springs praktiziert und sowohl die Reporter als auch die Öffentlichkeit glauben anfangs, dass es sich um einen Einzelfall handelt. Doch ganz schnell wird klar: das ist ein Irrglaube. Im Rahmen weiterführender Recherchen kommt ans Licht, dass unpädagogische und oft brutale Maßnahmen wohl eher der Regelfall sind. So wird schon bald publik, dass schon vor fast genau zwei Jahren im Don Dale Jugendgefängnis in Darwin sechs Jungen in eine Isolierzelle gesteckt werden, in die anschließend Tränengas eingeleitet wird.


Gibt es das in den Gefängnissen überall in Australien?

Keine Einzelfälle also – aber sicherlich doch begrenzt auf das Northern Territory? Auch hier zeigt sich bald, dass auch das eine völlig falsche Einschätzung ist. Aus Jugendstrafanstalten in anderen Staaten werden ähnliche Fälle gemeldet: Mädchen müssen sich nackt auf den Boden ihrer Zellen legen – teilweise für lange Zeit, jungen Frauen werden die Kleider vom Leib geschnitten, andere weibliche Insassen werden von Aufsehern misshandelt.

Bei ABC wird der Fall des Dylan Voller besonders gründlich geschildert. Der Junge ist ohne Frage kriminell und bedarf dringend fachlicher Hilfe. Seitdem er 11 Jahre alt ist, landet er immer wieder im Gefängnis. Er klaut Autos, begeht Einbrüche und Raubüberfälle. Im den Strafanstalten wird er misshandelt, immer wieder isoliert, gewaltsam ausgezogen, auf den Boden gedrückt, mit Tränengas „behandelt“.

Ein Fall macht die Situation in den Jugendgefängnissen und das Verhalten des Personals besonders deutlich: Dylan Voller ist am Telefon und bekommt von einem Aufseher die Anweisung, den Hörer wegzulegen. Als der junge Mann diesem Befehl nicht sofort nachkommt, wird ihm der Hörer entrissen, der Beamte tritt ihn, schlägt ihn nieder und hält den Häftling mit Gewalt am Boden. Das erscheint selbst seinen Kollegen als unangemessen. Gegen der gewalttätigen Bediensteten wird ermittelt, vor Gericht wird er freigesprochen, sein Arbeitsvertrag wird jedoch nicht verlängert. Obwohl es wohl erhebliche Vorbehalte bezüglich der Professionalität des Aufsehers gibt, wird dieser etwas später beim Jugendgefängnis in Alice Springs wieder beschäftigt.

Wir tun alles, um die Jugendlichen zu schützen“

don-daleDie Reporter von ABC haben mit Ken Middlebrook gesprochen. Er war der verantwortliche Vorgesetzte zu der Zeit als Dylan Voller, mit Kapuze über dem Kopf für zwei Stunden an einen Stuhl gefesselt war. Die Vorgehensweise seiner Mitarbeiter war Mr. Middlebrook durchaus bekannt und er billigt die angewendeten Maßnahmen. Der Junge habe spucken wollen und mit der Kapuze hätten die Beamten sich geschützt. Das zweistündige Festbinden an einen Stuhl, alleine in einer Zelle rechtfertigt Middlebrook mit den Worten: „er hat damit gedroht, sich selbst zu verletzen“. Dann fügt er hinzu: „wir tun alles, um die Jugendlichen zu schützen“.

Dass die staatliche Gewalt in Jugendhaftanstalten wohl von verantwortlicher Seite gedeckt wird, machen die Aussagen ehemaliger Gefängnismitarbeiter aus Queensland deutlich. Graham Pattel hat acht Jahre lang im „Cleveland Youth Detention Centre“ in Townsville gearbeitet. Er sagt, dass er wiederholt massive Gewaltanwendung und unnötige Strafen gegen die Jungen im Gefängnis beobachtet hat. Die Kinder seien zum Teil nur 12 oder 13 Jahre alt gewesen und hätten immer wieder gerufen „you’re hurting me, you’re hurting me“, ohne dass man von ihnen abgelassen habe. Graham Pattel hat die Brutalitäten in dem Gefängnis, in dem er gearbeitet hat, in sozialen Netzwerken bekannt gemacht. Kurz darauf wurde er entlassen.

Jeff Ingram, auch er ein Beschäftigter im Jugendgefängnis schildert ähnliche Vorkommnisse. So soll ein anderer Aufseher einen Jugendlichen am Genick festgehalten und dem Jungen immer wieder mit einer Konservendose ins Gesicht geschlagen haben. Anschließend wurde der verletzte Junge zu Boden geworfen. Ingram meldete den Vorfall, eine Ermittlungsverfahren wurde wohl nicht eingeleitet. Auch Ingram wurde kurze Zeit später entlassen.

Wo ist der Fehler im System?

ABC hat auch mit Joshua Creamer gesprochen, einem Rechtsanwalt, der sich intensiv mit den Vorfällen in Jugendgefängnissen beschäftigt. Creamer ist der Ansicht, dass alle diese Fälle keine Ausnahmen sind, sondern dass brutale Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen systembedingt ist. „Ich war mit einem Fall beschäftigt, bei dem einem 11jährigen Jungen in einem Gefängnis in Brisbane beide Augen blau geschlagen und der Kiefer gebrochen wurde. So etwas passiert nicht zufällig“.

Wo also liegt dieser „Fehler im System“, wenn es denn einen gibt? Liegt es daran, dass Wachpersonal in Gefängnissen nicht ausreichend beaufsichtigt wird? Sind die Aufseher in Jugendstrafanstalten schlecht ausgebildet und eher dazu geneigt zu bestrafen als zu helfen und zu erziehen? Ist von staatlicher Seite beabsichtigt, durch harte Maßnahmen zur Abschreckung beizutragen? Ist man an verantwortlicher Stelle gar der Ansicht, dass Pädagogik und Psychologie in australischen Knästen nichts zu suchen habe? All solche Fragen muss sich die Regierung dringend stellen – und all solche Vorfälle bedürfen schnellstens einer genauen Untersuchung mit entsprechenden Konsequenzen.

Erst einmal aber haben offizielle Stellen reagiert wie trotzige Kinder es manchmal tun. Die Regierung nämlich reichte Klage ein gegen die Jugendlichen, die in der Zelle mit Tränengas gequält wurden. „Schließlich seien durch die Randale der Kids unter anderem ein Zaun und ein Tor zerstört worden.“ Der Gesamtschaden durch die Fluchtversuche der Gefangenen liege in Höhe von über 200.000 Dollar. Diesen Betrag sollten die Kinder ersetzen.

Das Jugendgefängnis, davon sollte man ausgehen, hat die Aufgabe, die Insassen zu erziehen, positiv zu beeinflussen und zu schützen. Wenn die Verantwortlichen dabei kläglich versagen, verlangen sie dann Schadenersatz von denen, die ihnen anvertraut sind?

Australien hat einen Ruf zu verlieren

Australien hat international einen hervorragenden Ruf – mit zwei dunklen Flecken darauf. Zum Einen die Behandlung der Ureinwohner durch Behörden und Institutionen im jungen Australien – lange her aber noch längst nicht vergessen – und zum Anderen die Umgehensweise mit Flüchtlingen und Asylsuchenden auf fernen Inseln. Ein dritter dunkler Fleck lässt sich noch vermeiden, wenn das Thema „Gewalt gegen Häftlinge“ schnellstens erkannt, behandelt und gelöst wird. Das scheint man auch an höchster Stelle zu wissen, denn von dort wurde eine „Royal Commission“ eingesetzt. Das ist ein unabhängiger Untersuchungsausschuss unter Vorsitz eines erfahrenen Richters. Noch soll dieser Ausschuss nur die Vorfälle im Northern Territory untersuchen. Im Interesse Australiens muss man hoffen, dass alle dubiosen Vorkommnisse in Jugendstrafanstalten in ganz Australien schnellstens aufgeklärt werden, und dass den Aufsehern, Wachleuten und Erziehern klare Grenzen gesetzt werden.