Juni 2016 – Raucher oder Nichtraucher: Eine Frage der Bildung?

Seit rund dreieinhalb Jahren bekommen australische Raucher ihre Zigaretten nur noch in „neutralen“ Schachteln.

Australia_2011_Plain_Pack_Example_3Vor wenigen Tagen erst hat das „Department of Health“ erste offizielle Zahlen zu Erfolg oder Misserfolg der Ende 2012 in Kraft getretenen Verpackungsverordnung bekannt gegeben. Beinahe zur gleichen Zeit wurde eine wissenschaftliche Untersuchung der „Australian National University“ (ANU) veröffentlicht. Gesundheitsministerium und Universität kommen dabei zu relativ unterschiedlichen Ergebnissen.

In der Studie, die vom Ministerium in Auftrag gegeben wurde, heißt es eindeutig, dass die neutrale Verpackung der Zigaretten, erst langfristig deutliche Wirkung zeigen würde. Zudem würden die abschreckenden Zigarettenverpackungen erst dann wirklich wirken, wenn es zusätzlich auch zu weiteren Preiserhöhungen kommt.

Die Zahl der Raucher ist also bisher wohl nicht wirklich signifikant zurückgegangen. Tatsächlich wird das von den Angaben des Ministeriums bestätigt. Dort nämlich kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die Zahl der Raucher zwischen Dezember 2012 (Einführung von „Plain Packaging“) und September 2015 nur um 0,55 Prozentpunkte gesunken ist. Und ob dieser Rückgang tatsächlich auf die abschreckende Verpackung zurückzuführen ist oder ob einfach weniger Zigaretten verkauft wurden, weil der Preis gestiegen ist, bleibt unklar.

Die Untersuchungsergebnisse der ANU sind etwas anders und wesentlich detaillierter. Professor Simone Dennis forscht seit über zehn Jahren welchen Einfluss, die Verpackung, die Schockbilder und der Preis der Zigaretten auf das Kaufverhalten der Raucher haben.

Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse der Forschungsarbeiten sind erstaunlich und teilweise erschreckend. Durch die wissenschaftliche Untersuchung wird klar, dass es jugendliche Raucher gibt, die durch die Horrorbilder nicht abgeschreckt sondern, im Gegenteil, sogar motiviert werden, Zigaretten zu kaufen und zu konsumieren. Bei den vielen Gesprächen, die Professor Dennis mit Rauchern geführt hat, sprach sie wiederholt auch mit jungen, schwangeren Frauen. Gegenüber ABC sagte die Wissenschaftlerin: „Die Mädchen hatten zum Teil unbeschreibliche Angst ein relativ großes Baby zur Welt zu bringen. Sie haben also weiter geraucht und sich die Zigaretten ausgesucht, auf deren Verpackung die Warnung ‚Smoking could make a Baby smaller‘ zu lesen war.“ Wohl ein deutlicher Hinweis darauf, dass Rauchen oder Nichtrauchen auch ein Frage der Bildung sein könnte.

Eine hohe Zahl von Rauchern, so ist den Forschungsergebnissen zu lesen, entnehmen ihre Zigaretten unmittelbar nach dem Kauf der grünen Verpackung mit den Horrorbildern und stecken sie in eine neutrale Verpackung, um nicht bei jeder Zigarette mit den Bildern und Warnungen konfrontiert zu werden.

Raucher entwickeln Vermeidungsstrategien, so schreibt Professor Dennis weiter. So wäre es häufig zu beobachten, dass junge Männer die Schachteln mir Warnungen für Schwangere bevorzugen würden. Das könne ja schließlich nicht auf Männer zutreffen… Ein bekanntes Horrorbild zeigt ein großes Auge mit blauer Iris und der Warnung ‚Smoking causes Blindness‘, so ist im Forschungsbericht zu lesen. Etliche Raucher mit blauen Augen würden beim Kauf diese Packung zurückweisen und sich eine andere geben lassen.

Man kann kaum sagen, dass die Studie des Gesundheitsministeriums erhebliche Erfolge des „Plain Packaging“ vermeldet. Ein Rückgang des Tabakverkaufs um 0,55 Prozentpunkte in drei Jahren ist wahrhaft keine Erfolgsmeldung. Die Forschungsergebnisse der ANU sind noch weniger optimistisch. Was beiden Institutionen gemein ist, ist die Erkenntnis, dass langfristig der Konsum von Tabak vor allem über den Preis reguliert werden kann. Mit jeder Preissteigerung, so wird vermutet, sinkt die Zahl der Raucher.

Bei den Preisen ist sicher auch in Australien noch erheblich „Luft nach oben“. Es besteht allerdings die Gefahr, dass bei weiter steigenden Kosten für den Tabakkonsum in bestimmten Gesellschaftsschichten irgendwann eher Geld für die Zigaretten als für Bildung oder gesunde Lebensmittel ausgegeben wird.

Der Durchschnittspreis für eine einzelne Zigarette:
> Norwegen A$ 1,- (€ 0,65)
> Australien A$ 0,60 (€ 0,40)
> Deutschland A$ 0,40 (€ 0,26)
> Moldawien A$ 0,06 (€ 0,04)