September 1973 – Nach Kabul mit Hindernissen Die Nacht war wunderbar entspannt. Ein kühler Wind durch die Fliegengitter, frisches Trinkwasser in einer Thermoskanne, mächtig laute Hähne in der Umgebung, die Aussicht auf ein leckeres Frühstück und drei Menschen, die gerne zusammen sind. Es ist erst sieben Uhr und unsere Mägen knurren. Unten wartet warmes Fladenbrot

September 1973 – Nach Kabul mit Hindernissen

Die Nacht war wunderbar entspannt. Ein kühler Wind durch die Fliegengitter, frisches Trinkwasser in einer Thermoskanne, mächtig laute Hähne in der Umgebung, die Aussicht auf ein leckeres Frühstück und drei Menschen, die gerne zusammen sind. Es ist erst sieben Uhr und unsere Mägen knurren. Unten wartet warmes Fladenbrot auf uns, Schafskäse, frische Tomaten, grüner Tee und eiskalter Granatapfelsaft.

Schon eine halbe Stunde nach dem Frühstück sind wir wieder auf dem Weg in Richtung Kabul. Weit kommen wir nicht. Nach nicht einmal 10 Kilometern auf der Schlaglochpiste in Richtung Nordosten erwischt es einen unserer Reifen. Kräftig zischt es vorne rechts und nach wenigen Sekunden ist er platt. Es ist kaum zu glauben, aber das Ventil, bei diesen schlauchlosen Reifen eigentlich fest in der Felge verankert, fehlt komplett. Abgerissen von einem vorstehenden Stein oder Felsbrocken? Oder vielleicht angeschnitten von jemandem, der es nicht gut mit uns meint?

Nach über 10.000 Kilometern auf teilweise abenteuerlich schlechten Straßen und Wegen, nach ungezählten Schlaglöchern, unerträglicher Hitze, Fahrten durch Dornengestrüpp und Schlammlöcher jetzt die erste „richtige“ Reifenpanne. Was bin ich froh, dass ich mich in Berlin entschlossen hatte, die teuren Metzeler-Reifen mit dem relativ groben Profil zu kaufen, statt der viel billigeren Pneus aus der DDR mit dem wohlklingenden Namen „Pneumant“ oder den noch günstigeren Reifen aus der Tschechoslowakei.

Ein kalter Morgen bei Kunduz

Zwei Reservereifen haben wir dabei. Der eine liegt ungefähr in der Mitte des Fahrzeugs, unter dem Brett, auf dem wir manchmal schlafen, das andere Rad hängt vorne, an der Stirnwand des Fahrzeugs. Der platte Reifen ist schnell gewechselt – doch was jetzt? Sollen wir mit nur einem Reserverad weiterfahren? Der nächste größere Ort, an dem wir vielleicht eine Werkstatt finden, ist Kunduz. Noch rund 250 Kilometer auf diesem „Acker“. Oder sollen wir zurück nach Fayzabad – und damit einen ganzen Tag verlieren?

Eigentlich ist es egal. Uns drängt niemand. Trotzdem fahren wir weiter in Richtung Kabul und wollen versuchen, Kunduz noch bei Tageslicht zu erreichen. Doch es kommt besser als erwartet. Schon in Taloqan gibt es an der Straße so etwas wie einen Reifenservice. Durch die hohen Stapel aus alten Reifen ist der Betrieb kaum zu übersehen. Eine große Badewanne gibt es, um die Räder auf Dichtheit zu prüfen. Doch wie bekommt er den Luftdruck auf die Reifen. Es gibt keinen Strom und deswegen vermutlich auch keinen Kompressor.

Ziemlich schnell wird uns diese Frage beantwortet. Zuerst aber wird repariert. Das Ventil fehlt tatsächlich komplett und ein neues hat der Mann hier in Taloqan nicht. Also erklärt er uns mit Händen uns Füßen, dass er in den eigentlich schlauchlosen Reifen, einen Schlauch einziehen wird. Vorausgesetzt er findet in seiner großen Kiste mit gebrauchten Schläuchen etwa die richtige Größe. Die Suche ist ziemlich schnell von Erfolg gekrönt. Mit einer Art Fahrradluftpumpe pumpt er den Schlauch ein wenig auf, um ihn im Wasser der Badewanne auf Dichtheit zu überprüfen.

Alles wunderbar, alles dicht. Mit schweren Montiereisen wird die eine Seite des Reifens von der Felge gewuchtet. Dann wird der neue alte Schlauch in den Reifen gestopf und die Gummidecke wieder auf die Felge gezwungen. Und dann kommt der Kompressor zum Einsatz. Es gibt ihn tatsächlich. Er steht etwas versteckt neben der Bretterbude, in der die Werkstatt ist und besteht aus einem Dieselmotor, der offensichtlich aus einem kleineren Lastwagen stammt und einem Kompressor, wie er in LKWs und Bussen für die Bremsanlage verwendet wird. Unser Reifen füllt sich schnell, der Mechaniker klopft ab und zu mit seinem Hammer dagegen. Als ihm das Geräusch des Eisenhammers auf dem Gummireifen gefällt, zieht er den Luftschlauch ab. Fertig. Ein Messinstrument für den Reifendruck gibt es nicht. Schnell hängt das reparierte Rad wieder vorn am Auto und wir können weiter. Ach ja, bezahlt haben wir auch. Umgerechnet etwa fünf Mark.

Eine völlig ruhige aber sehr kühle Nacht in Kunduz. Das Hotel, für das wir uns entschieden haben, ist sehr einfach. Waschen müssen wir uns hinter einem Vorhang am Brunnen, die Toilette ist ein mieses, stinkendes Plumpsklo ohne Beleuchtung. Egal, ohne Frühstück brechen wir schon kurz vor Sonnenaufgang wieder auf und freuen uns über jedes Stückchen asphaltierter Straße.

Knapp fünf Stunden dauert die gut 100 Kilometer lange Fahrt bis nach Pol-E-Chumri, wo Michelle sicherlich ein paar Erinnerungen an den Zahnarzt hat. Ein kurzes Mittagessen aus Lammleber und Zwiebeln in Fladenbrot und wir sind wieder „On the Road“. Noch einmal etwas mehr als 100 Kilometer bis zum Salang-Tunnel. Bis Kabul können wir es nicht schaffen – aber noch bei Tageslicht durch den Tunnel wäre gut.

Dorf bei Taqhar, im Norden Afghanistans – Foto: Nigelito

Doch schon nach 40 oder 50 Kilometern ist plötzlich Schluss. Es ist gebirgig um uns herum, die Straße schlängelt sich mit teilweise heftigen Steigungen durch die Täler. Und vor uns stehen plötzlich mindestens 30 Autos wild durcheinander. Einige Fahrer versuchen zu wenden, andere machen ein Picknick am Straßenrand. Ganz vorne stehen ein paar Soldaten mit einem uralten Panzer, die die Straße absperren. Hier geht offensichtlich gar nichts mehr.

Unser Auto parken wir am Straßenrand und zusammen mit Monika laufe ich zwischen den Autos hindurch in Richtung Panzer. Unsere Hoffnung: dass uns jemand in einer für uns verständlichen Sprache anspricht und uns erklärt, was hier gerade passiert. Es funktioniert! Ein alter, weißhaariger Mann steckt seinen Kopf aus dem Fenster seines Autos, mustert uns von oben bis unten. (Zuerst natürlich Monika.) „Bonjour, vous et français, n’est pas?“ ‚Oh Mann, muss es den ausgerechnet das mir verhasste Französisch sein?‘ frage ich mich im Stillen. Antworte aber höflich, „Non, nous sommes allemand“.

Mein Französisch ist schlecht, Monikas nicht vorhanden. Ich hatte zwar ein paar Jahre Französisch in der Schule, hatte aber mit der Sprache nie Freude und habe sie eigentlich widerwillig gelernt. Umso mehr freue ich mich, als ich merke, dass der Alte die Sprache offensichtlich auch nicht besser beherrscht als ich. Mit unseren rudimentären Kenntnissen verstehen wir uns schnell und er erklärt, dass es irgendwo dort vorne einen Unfall gegeben habe und die Landstraße in beiden Richtungen komplett gesperrt ist. „Bis auf Weiteres“, habe der Soldat dort vorne ihm gesagt.

Egal, machen können wir ohnehin nichts und so dösen wir im Auto rund drei Stunden vor uns hin. Einmal schlängelt sich ein Krankenwagen aus Richtung Kunduz durch den Stau – sonst passiert nichts. Schön, dass es hier im Gebirge angenehm kühl ist – wenn nur die Sonne nicht so brutal brennen würde. Es ist später Nachmittag als endlich Bewegung in die Autoschlange kommt. Motoren werden angelassen und vorne fährt der Panzer zur Seite und gibt den Weg wieder frei. Plötzlich komme ich mir vor, wie auf einer Rennstrecke. Mit heulenden Motoren versuchen einige Autofahrer, sich „einen Spitzenplatz“ zu erkämpfen. Überholt wird um jeden Preis, in der Hoffnung, dass so bald kein Fahrzeug entgegen kommt. Keine zehn Minuten später sind hinter uns nur noch ein paar Lastwagen.

Nach einer halben Stunde bietet sich uns ein verstörendes Bild. Rechts im Tal, in einem kleinen Flusslauf rund 20 Meter unterhalb der Straße, liegt ein Reisebus auf dem Dach. Scheiben sind zertrümmert und am Rande des Gewässers sind mehr als 20 Körper aufgereiht. Manche notdürftig mit Stofffetzen oder Decken abgedeckt, andere unter Pappe. Manche sind gar nicht bedeckt. Die Besatzung des einzigen Krankenwagens versucht den vielen Verletzten zu helfen, so gut es geht. Das Bild wird mir wohl einige Zeit nicht aus dem Kopf gehen.

Es ist dunkel geworden und wir sind am nördlichen Ende des Salang-Tunnels angekommen. Ich will nicht weiter – Michelle schon und Monika schläft. Es gibt Streit mit der schönen Engländerin und ich lasse sie spüren, dass ich, als der Mann mit dem Auto, am längeren Hebel sitze. Später am Abend ärgere ich mich fürchterlich über mich selbst. An dem Restaurant, wo wir schon auf dem Weg in Richtung Norden gegessen haben, halten wir wieder an und fragen nach einer Schlafmöglichkeit. Der Besitzer zeigt uns hinter seiner Bretterbude einen Platz für unser Auto und empfiehlt, neben dem VW-Bus auf der Erde zu schlafen. Ein paar feste Wolldecken gibt er uns dazu. Früh am Morgen robbe ich mich vorsichtig an Michelle heran. Sie lässt es zu und fast gleichzeitig setzen wir beide zu einer Entschuldigung an. Monika grinst still in sich hinein.

Der Rest der Strecke bis zur Hauptstadt vergeht wie im Flug. Immer bergab auf einer deutlich besseren Straße als weiter oben im Norden.


Das nächste Kapitel meines Afghanistan-Tagebuches erscheint am 2. April 2019 unter dem Titel „September 1973 – Konjunktur für Stempelmacher“.
Ein weiteres Kapitel gibt es dann ca. alle 14 Tage. Insgesamt werden etwas mehr als 60 Kapitel veröffentlicht.


Dieter Herrmann, der Autor dieses Afghanistan-Tagebuchs, lebt in Australien, berichtet von dort für deutsche Fernsehsender und ist Chefredakteur der einzigen deutschsprachigen Zeitung in Australien.
Bekannt ist er als Medientrainer für Hörfunk- und Fernsehsender sowie für Führungskräfte im oberen Management, Offiziere und Piloten.
Kontakt zum Autor und weitere Informationen zu den angebotenen Medientrainings über die Homepage dieses Blogs oder unter dieter(at)australia-news.de [bitte das (at) durch das @-Zeichen ersetzen!]


Meine erste Reise nach Afghanistan begann im Frühsommer 1973. Seitdem bin ich sicher über 100 mal mal im Land am Hindukusch gewesen und habe insgesamt mehre Jahre dort verbracht. Alle politischen System vom Königreich bis zur heutigen Islamischen Republik habe ich kennen gelernt.
In rund 60 Kapiteln schildere ich, basierend auf Tagebüchern und Erinnerungen, meine Erlebnisse in dem Land, das seit 1973 nicht mehr zur Ruhe gekommen ist.
Neben vielen anderen Erfahrungen wurde ich in dieser Zeit zweimal verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, musste zeitweilig im Bunker der türkischen Botschaft leben und hatte ein erstaunliches Interview mit Mullah Muttawakil, dem persönlichen Sprecher von Taliban-Führer Mullah Omar und späteren Taliban-Außenminister.

Ich schildere meine eigenen Gefühle und Zweifel ebenso wie politische und menschliche Geschehnisse, Bewegungen in der Bevölkerung und Entwicklungen im Land.

Nichts an diesem Manuskript ist erfunden oder hinzugedichtet – einiges allerdings habe ich, um niemanden zu gefährden, weggelassen. Einige Namen habe ich sicherheitshalber verändert.

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