August 2009 – Wie gut, dass es Nagellackentferner gibt Noch ein Tag, dann soll in Afghanistan ein neuer Präsident gewählt werden. Straßensperren, egal wohin wir fahren. Überall hier im Stadtgebiet von Kabul ist Polizei und Militär zu sehen. Angekündigt wurde, dass der Staat mit der Präsenz von Sicherheitskräften seine Macht demonstrieren will. Der Straßenverkehr in

August 2009 – Wie gut, dass es Nagellackentferner gibt

Noch ein Tag, dann soll in Afghanistan ein neuer Präsident gewählt werden. Straßensperren, egal wohin wir fahren. Überall hier im Stadtgebiet von Kabul ist Polizei und Militär zu sehen. Angekündigt wurde, dass der Staat mit der Präsenz von Sicherheitskräften seine Macht demonstrieren will. Der Straßenverkehr in der Hauptstadt ist ohnehin chaotisch. Auf einem Straßennetz aus den zwanziger Jahren, erweitert in den achtzigern, sind heute geschätzt rund zwanzig mal mehr Fahrzeuge unterwegs als noch 1990. Durch die unzähligen Checkpoints gehören lange Wartezeiten im Stau zur Normalität. Theoretisch dürfen wir mit unseren Presseausweisen an den Warteschlangen vorbeifahren. Für das Verständnis der Autofahrer scheint das „Schlange stehen“ aber fremd zu sein. Es werden so viele Spuren gebildet, wie die Straßenbreite es so gerade noch zulässt. Erst vorne, am Kontrollpunkt, wird mit Hilfe der Hupe, lauten Flüchen und rigorosem Drängeln wieder alles auf eine einzelne Reihe zusammengeführt. Vorbeifahren ist für uns ebenso unmöglich, wie für Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr und für Krankenwagen.

Wir versuchen noch, letzte Wahlvorbereitungen zu drehen, die blockierten Straßen machen die Fortbewegung nahezu unmöglich. Ein paar Mal stehe ich vor der Kamera, um meine Eindrücke den Zuschauern der Deutschen Welle zu schildern. Die Eselskarawanen mit den Wahlurnen, die vor ein paar Tagen im Norden des Landes verschwunden sind, bleiben unauffindbar. Ob nur ein paar Dutzend oder gar Hunderte von Dörfern jetzt ohne Wahlurnen und Wahlscheine bleiben, kann uns niemand sagen.

Bei diesen Wahlen geht es letztendlich darum, ob Hamid Karsai in seinem Amt als Präsident von Afghanistan bestätigt wird, oder ob sein ewiger Widersacher, der Augenarzt Abdullah Abdullah dieses Mal das Rennen macht. Ausländische Institute haben Umfragen gemacht. Danach dürfte es ein Kopf-An-Kopf-Rennen werden. Karsai wird von vielen Wählern hier als „Marionette der Amerikaner“ oder „Bürgermeister von Kabul“ angesehen. Er ist Paschtune, hat lange im Ausland gelebt und das Gerücht geht um, dass er in seiner ersten, jetzt zu Ende gehenden Amtszeit als Präsident, „irgendwie“ zum mehrfachen Millionär geworden ist.

Abdullah Abdullah war ein Vertrauter von Ahmed Shah Masoud und hat mit ihm zusammen gegen die Taliban gekämpft. Sein Vater war Paschtune, seine Mutter kam aus dem Norden des Landes und sprach Persisch. Er selbst sieht sich gerne als Vermittler zwischen den Paschtunen und den anderen Völkern Afghanistans.

Die Leute Abdullahs sagen schon seit Tagen, dass sie Unregelmäßigkeiten bei den Wahlvorbereitungen aufgedeckt hätten. Es gäbe schon vorab ausgefüllte Stimmzettel und regionale „Fürsten“ hätten dem amtierenden Präsidenten versprochen, dass sie dafür sorgen würden, dass alle ihre „Untertanen“ richtig, nämlich für Karsai, abstimmen würden. Außerdem, so Abdullahs Seite, sollen manche Wahllokale am Wahltag bewusst nicht geöffnet werden. Abstimmungen in Regionen, wo Abdullah starken Rückhalt hat, würden von der Gegenseite so verhindert werden.

Schutzwesten gibt es in vielen Formen, Farben und Schutzklassen. Nie sollten sie reflektierende Elemente haben.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um sechs Uhr. Eine Stunde später öffnen die Wahllokale. Hier in Kabul sind das überwiegend Klassenräume in staatlichen Schulen. Wahab, unser Fahrer will uns um halb acht abholen und er ist, wie immer, überpünktlich. Sein Zeigefinger ist schon mit einem Klecks der Fleischbeschauerfarbe markiert. Er hat seine Stimme also schon abgegeben. „Und, Wahab, wen hast du gewählt?“ frage ich ihn. Lange nachdenken über die etwas unverschämte Frage muss er nicht. „Ist doch ganz klar, als Paschtune kann ich niemals diesen Abdullah Abdullah wählen. Natürlich habe ich mein Kreuz bei Karsai gemacht.“ Noch in den letzten Tagen hatte er immer wieder auf die Politik Karsais geschimpft, ihn für die alltäglich gewordene Korruption verantwortlich gemacht und sich immer wieder darüber aufgeregt, dass „dieser Karsai sich mit internationalen Hilfsgeldern die Taschen voll stopft“. „Aber warum dann doch Karsai? Du bist doch mit seiner Politik gar nicht einverstanden?“ Ein bisschen zögert Wahab jetzt mit der Antwort: „das musst du verstehen, Dieter. Ich bin Paschtune, er ist Paschtune. Das geht nicht anders.“ Nach meinen Erfahrungen der zurückliegenden 35 Jahre dürfte das, was Wahab geschildert hat, fast jedem Afghanen durch den Kopf gehen. Gewählt wird von vielen nicht der beste Kandidat, sondern der mit der „richtigen“ Volkszugehörigkeit.

Am Vormittag drehen wir in zwei Wahllokalen in der Innenstadt. Es sieht aus, als würde alles völlig normal laufen. Bei einer der beiden Schulen stehen sicher 200 Leute in der Schlange und warten geduldig darauf, dass sie an die Reihe kommen. Fliegende Händler gehen an den Wartenden auf und ab und bieten ihre Waren an. Auch in den Klassenräumen, in denen die Wahlurnen stehen, scheint es völlig entspannt zu sein. Die Wahlhelfer erklären geduldig, wann immer es erforderlich ist. Nach wie vor sind an jeder Ecke und an jedem wichtigen Gebäude Uniformierte zu sehen. Einige von ihnen mit schweren Waffen, Helmen und Körperschutz. Die afghanischen Nachrichtensender melden überhaupt nichts vom Ablauf der Wahlen in den Provinzen. Weder positiv noch negativ. Das finde ich sehr verdächtig, sonst nämlich bringen die Fernsehsender wie Ariana-TV, Tolo-TV, atv und die vielen anderen, die seit 2002 entstanden sind, alles, was nur irgendwie interessant sein könnte, in ihren Nachrichten.

Ein Kameramann von Tolo steht gleich neben Kay an einer der Wahlurnen und dreht. Wahab ist kurz nach Hause gefahren, so dass ich ohne Übersetzer versuchen muss, ihn zu fragen. Das ist dann überhaupt kein Problem, er spricht Englisch mit breitem amerikanischen Akzent. Wann denn das, was er hier gerade dreht, gesendet werden soll, will ich von ihm wissen. Spätestens in den Mittagsnachrichten. Dann erkläre ich ihm mein Erstaunen darüber, dass auf den diversen Fernsehsendern nahezu keine Informationen über die Wahlen zu sehen sind. Vor allem aber absolut gar nichts aus den ländlichen Regionen Afghanistans. Ein wenig erstaunt scheint er zu sein: „Haben die vom Informationsministerium denn gar nicht mit euch gesprochen? Uns haben die freundlich gebeten, negative Nachrichten bis nach Schließung der Wahllokale zurückzuhalten.“ Nachrichten von Zwischenfällen, so hieß es wohl, könnten dazu beitragen, dass die Wahlbeteiligung „in den Keller geht“, weil die Leute dann aus Angst zu Hause bleiben könnten. So etwas wie eine inoffizielle Nachrichtensperre also…

Wahlurnen für dörfliche Regionen

Gegen Mittag kommt Wahab zurück, um uns abzuholen. Stolz reckt er seinen Zeigefinger in die Höhe. Keine blaue Farbe mehr! „Wenn ich Zeit habe,“ sagt er, „gehe ich am Nachmittag noch einmal wählen.“ Und wie hat er die angeblich nicht abwaschbare Farbe abbekommen? „Ganz einfach, mit dem Nagellackentferner meiner Schwester.“

Ich würde gerne nach Dehkhaduda Dad fahren. Das ist das Dorf, in dem wir vor ein paar Tagen vergeblich nach der Mercedes-Vertretung gesucht haben. Hier in Kabul ist alles, was wir zu sehen bekommen, so völlig normal. Ich finde, es ist einfach zu normal, irgendetwas kann da doch nicht stimmen. Es ist nicht weit, aber die vielen Kontrollpunkte, vor allem auf der großen Ausfallstraße in Richtung Jalalabad kosten Zeit. So ist es Nachmittag, bis wir in Dehkhaduda Dad ankommen. Wir müssen uns etwas beeilen, um 19:30 afghanischer Zeit muss ich vor der Live-Kamera stehen und meinen ersten Bericht vom Wahltag machen. Der Dorfplatz ist wie ausgestorben. Vor dem Schulhaus weht die afghanische Nationalflagge – so, wie auch schon vor ein paar Tagen. Das Haus ist als Wahllokal beschildert. Drinnen, hinter provisorisch aufgebauten Schreibtischen, sitzen drei Männer. Einer davon erkennt uns sofort wieder. Die Wahlurnen scheinen gut gefüllt zu sein. Ob es denn hier jetzt gar keine Wähler mehr geben würde, frage ich mit der Hilfe von Wahab. „Nein, nein, jetzt nicht mehr, die waren alle schon am Morgen hier.“ Er deutet auf die halb durchsichtigen Plastikkästen, die als Wahlurnen dienen. Die sind wirklich gut gefüllt. Das dürften wohl etliche Hundert Stimmzettel sein.

Für uns zu sehen und zu drehen ist hier wohl nichts. Also zurück nach Kabul. Kaum im Auto fragt Wahab: „Hast du die vollen Urnen gesehen?“ Klar, habe ich. „Aber das Dorf hat sicher weniger als Hundert Einwohner und davon wahrscheinlich noch mehr als die Hälfte zu jung um wahlberechtigt zu sein.“


Die nächste Folge meines Afghanistan-Tagebuches wird voraussichtlich am 18. August 2020 unter dem Titel „August 2009 – Wahlbetrug? Kann ja mal vorkommen…“ erscheinen. Ein weiteres Kapitel gibt es dann ca. alle 14 Tage. Insgesamt werden vorerst etwas mehr als 60 Kapitel veröffentlicht. Wann immer möglich, versuche ich selbst gemachte Fotos oder Standbilder aus unseren Videofilmen zu verwenden. Wenn Bilder von anderen Fotografen verwendet werden, sind diese immer namentlich gekennzeichnet. Dieser Blog kann weiter unten auf dieser Seite abonniert werden.


Dieter Herrmann, der Autor dieses Afghanistan-Tagebuchs, lebt in Australien, berichtet von dort für deutsche Fernsehsender und ist Chefredakteur der einzigen deutschsprachigen Zeitung in Australien. Bekannt ist er als Medientrainer für Hörfunk- und Fernsehsender sowie für Führungskräfte im oberen Management, Offiziere und Piloten. Kontakt zum Autor und weitere Informationen zu den angebotenen Medientrainings über die Homepage dieses Blogs oder unter dieter(at)australia-news.de [bitte das (at) durch das @-Zeichen ersetzen!]


Meine erste Reise nach Afghanistan begann im Frühsommer 1973. Seitdem bin ich sicher über 100 mal mal im Land am Hindukusch gewesen und habe insgesamt mehre Jahre dort verbracht. Alle politischen System vom Königreich bis zur heutigen Islamischen Republik habe ich kennen gelernt. In rund 60 Kapiteln schildere ich, basierend auf Tagebüchern und Erinnerungen, meine Erlebnisse in dem Land, das seit 1973 nicht mehr zur Ruhe gekommen ist. Neben vielen anderen Erfahrungen wurde ich in dieser Zeit zweimal verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, musste zeitweilig im Bunker der türkischen Botschaft leben und hatte ein erstaunliches Interview mit Mullah Muttawakil, dem persönlichen Sprecher von Taliban-Führer Mullah Omar und späteren Taliban-Außenminister. Ich schildere meine eigenen Gefühle und Zweifel ebenso wie politische und menschliche Geschehnisse, Bewegungen in der Bevölkerung und Entwicklungen im Land. Nichts an diesem Manuskript ist erfunden oder hinzugedichtet – einiges allerdings habe ich, um niemanden zu gefährden, weggelassen. Einige Namen habe ich sicherheitshalber verändert.
Dieter Herrmann

Leave a Reply